Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

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Warenhäuser

Geschichte, Blüte und Untergang im Warenmeer

Das Warenhaus beginnt mit der Geschichte des Händlers, setzt sich fort in der Geschichte des reisenden Kaufmanns, dem Vorbild des selbstbewussten Bürgers, entwickelt sich aus Markthalle, Basar und Lagerhaus, bis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die großen Warenpaläste entstehen: aus der Passage als "Straße in der Straße" wird die "Stadt in der Stadt". Paris ist die europäische Hauptstadt der Warenhäuser, Berlin die deutsche Warenhausmetropole, ein Vorbild vor allem mit dem legendären Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz (1900).

Mit den Warenhäusern beginnt die "Demokratisierung des Konsums", werden viele der traditionellen Kaufmannsprinzipien auf den Kopf gestellt, wird der Umsatz gesteigert, während die Preise sinken und die Gewinnspanne schrumpft, wird Kulanz das oberste Prinzip, d.h. Umtauschrecht und Qualitätsgarantie, werden feste Preise eingeführt. Luxusgüter werden zu industriell gefertigten Massenwaren.

Die Warenhäuser überwältigen mit prachtvoller Architektur, revolutionieren mit Zeitungsannoncen, Schaufenstern, Plakaten und Lichtreklame die Werbung, sind die Geburtsstätte der Warenästhetik, ziehen Verkehrsströme auf sich: Die Warenhäuser werden zu Kristallisationspunkten der Innenstädte und verändern die Wahrnehmungsgewohnheiten der Großstädter. Heute scheint die große Zeit der Warenhäuser vorüber zu sein, nur wenige der berühmten Häuser sind noch übriggeblieben.

Mit dem Warenhaus beginnt eine neue Zeit, löst der Verkäufer den Ladengehilfen ab, den Prototypen der "Angestellten" als einer "Klasse zwischen den Klassen", wird die Treppe durch neue Technologien, durch Aufzug und Rolltreppe, ergänzt, im Warenhaus entwickelt sich eine eigene Krankheit, die Kleptomanie als eine Sucht, stehlen zu müssen ohne Not.

"Der Zweck der Treppe im Warenhaus liegt nicht mehr in der schrittweisen Offenbarung des Herscherpaares, das sich von oben herab auf das Parkett seines Hofstaates begibt. Im Warenhaus geht die Erwartungsbewegung nicht von oben aus, niemand kommt aus der oberen Etage herunter, um sich hinab schreitend in die Niederungen des gesellschaftlichen Lebens den Blicken der Öffentlichkeit preiszugeben, das Treppen- und Beförderungssystem des Warenhauses ist kreisförmig geschlossen, die Haupttreppe weist die Besucher in das Etagenlabyrinth des Warenhauses hinein, geleitet sie aus den umlaufenden Galerien in das Warenmeer des Lichthofs wieder hinunter auf den zentralen Schauplatz aller Kauf- und Verkaufsaktivitäten."

"Das Warenhaus ist Baustein einer formal demokratischen Gesellschaftsform, es führt auf den Rolltreppen, in den Fahrstühlen, vor den Warenständen Klassengegensätze zusammen, hebt sie tendenziell auf. Es schürt zwar durch den Grad von Eleganz in der Aufmachung auch Ängste, es schließt Käuferschichten psychologisch aus, doch den Anspruch nach lässt es jedem die gleich Behandlung zukommen und stellt sich bzw. das Personal auf jeden ein."

"Nachts, wenn das Warenhaus ruht, leben nur noch die Schaufenster, ein Band aus leuchtenden Glasquadern, in denen sich Menschenpuppen zur Schau stellen, in der Wunschgarderobe der Saison. Im Vorüberfahren Mosaikbilder, aus dem Kaleidoskop geschüttelt, oder nur Farbkleckse, die verschwimmen. Ein gläserner Sockel, auf den eine gewaltige graue Steinmasse getürmt ist. Im spiegelnden Messingrahmen Wunschträume hinter Glas (...)"


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Warenhäuser

Buchcover: Klaus Strohmeyer, Warenhäuser. Geschichte, Blüte und Untergang im Warenmeer, Berlin 1980

Eine Kulturgeschichte des Warenhauses mit Rückblicken auf die Geschichte des Handels, der Kaufmannsliteratur, auf die Entstehung von Markthallen und Passagen, von Schaufenstern und Lichtreklame u.v.m.

Klaus Strohmeyer: Warenhäuser. Geschichte, Blüte und Untergang im Warenmeer, Berlin 1980

Rezensionen:

"Die großen Stätten des Warenmeers lassen noch einmal ihre Vergangenheit aufblitzen, in der es anders zuging: in Klaus Strohmeyers einzigartiger Geschichte der Warenhäuser (...), die uns die Genese dieser Warenpaläste als Paradigma des 19. Jahrhunderts und ihren Niedergang im kalten Funktionalismus der 20er Jahre erzählt."
Mannheimer Morgen
"Es ist ein Buch entstanden, das nicht nur ausführlich die sozialgeschichtlichen Aspekte der frühen Warenhauskultur aufzeigt (...), sondern auch literarische Bezüge herstellt. Vom Ansatz wie von der Darstellungsmethode deutlich Walter Benjamin verpflichtet, enthält es in der Verbindung von Akkuratesse und Zuneigung zum Gegenstand so etwas wie ein Stück Warenhauspoesie."
Der Tagesspiegel
"Klaus Strohmeyer belegt genau, was sich in der Warenwelt seit den Tagen altdeutscher Krämerseelen und cleverer Kaufhausgründer wie Rudolph Karstadt und Georg Wertheim verändert hat. Dieses bebilderte Taschenbuch liefert einen kritischen Blick zurück auf Plüsch und Prunk, eine melancholische Erinnerung an die glitzernden Konsumkathedralen (...)"
Stern
"Es ist fast ein Blick zurück mit Melancholie: Der großbürgerliche Prunk (...) ist verschwunden, aus dem "Paradies der Damen" ist mancherorts ein "Paradies der Kleptomanen" geworden, sensiblere Gemüter werden in lauten Kaufhallen mit plastikverpacktem Ramsch beleidigt."
FAZ
"Es gibt keine europäische Stadt von einigem Anspruch, die nicht ein Faible für 'die gläserne Halbwirklichkeit der Ladenstraßen' gehabt hätte, jene 'vom Glas der Abstraktionen abgedeckten Spazierwege, die durch die Häusermassen führen, Labyrinthgänge, die man trockenen Fußes durchschlendert, wetterfeste Idealräume, in denen man keine Angst haben muss, den Ariadnefaden zu verlieren'. So beschreibt Klaus Strohmeyer die Passagen in seinem ausgezeichneten Taschenbuch über das Warenhaus."
Die Zeit
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