Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

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Industriespionage

Am 30. April 1826 reiste Peter Christian Wilhelm Beuth zusammen mit seinem Freund Karl Friedrich Schinkel über Frankreich nach England. Schinkel führt Tagebuch. Doch neben Beschreibungen von Gebäuden, Parkanlagen Skulpturen, von Begegnungen, Museums- und Opernbesuchen, gilt Schinkels Augenmerk vor allem der industriellen Entwicklung, von der Lüftungsanlage eines Krankenhauses bis zu den eisernen Abflussrinnen in den überbreiten Londoner Trottoirs. Dazwischen skizziert er unablässig Landschaft, Häuser Details.

Donnerstag, 1. Juni: "Frühstück in St. Pauls Cafehaus - Fahrt zu Wesmankot der nicht zu Hause - Gang zu Solly, der nicht zu Hause - Bramas Waarenlager und Gang zu seiner Fabrik. Jener angenehme Mann lässt uns durch einen Aufseher überall umherführen. Hydraulische Pressen, schöner Eisenguß sorgfältig, nicht zu heiß, die Sandform wird während des Gusses überall mit Flammen von außen angezündet. Von den Kübeln wird sorgfältig aller Schlacken vor dem Ausguß herausgebracht. Ziehbänke, Drehbänke, Hobelmaschinen ein horizontales Rad hobelt ein Brett, welches mit einer Kette auf einen Wagen vorgeschoben wird. Schlosserei, Federschneide-Maschine, Schlosserei verschiedene Einschnitte in die Schlüssel auf einer Drehbank gemacht, sehr reinlich."

Möglich, dass es kein Zufall war, dass die Fabrikherren Wesmankot und Solly nicht zu Hause waren. Umso dankbarer sind Schinkel und Beuth, dass sie schließlich eine der Fabriken für hydraulische Pressen und Schlösser der Fabrikanten-Familie Brahma besichtigen dürfen.

Fast jeder Tag wird genutzt, um Fabriken anzusehen. Wir lesen in Schinkels Tagebuch am Freitag, dem 23. Juni: "Besichtigung der Werkstatt von Mister Fox schöne Drehbänke, die berühmten Hobelmaschinen, Bohrmaschinen pp. Beuth macht viele Bestellungen."

Worum geht es bei dieser Reise der beiden Freunde? Es geht nicht um eine Bildungsreise im klassischen Sinne, die hätte bekanntlich eher nach Italien und Griechenland geführt (Schinkel war bereits 1803 und 1824 in Italien gewesen), es geht um die Besichtigung des technischen und industriellen Fortschritts. England setzt im 19. Jahrhundert in der industriellen Entwicklung die absoluten Maßstäbe.

1923 schrieb Beuth aus Manchester an Schinkel: "Die Wunder neuerer Zeit, mein Freund, sind mir hier die Maschine und die Gebäude dafür, Faktoreien genannt. So ein Kasten ist 8, auch 9 Stock hoch, hat mitunter 40 Fenster Länge und gemeinhin 4 Fenster Tiefe. Jeder Stock ist 12 Fuß hoch; ... Es macht in der Ferne einen wunderbaren Anblick, besonders des Nachts, wenn die Tausende von Fenstern hell mit Gaslicht prangen. Hell muss es sein, kannst du dir denken, wo ein Arbeiter 840 Fäden übersehen muss, Fäden, von denen 260 Strähne auf ein Pfund gehen und von denen zwei zusammengezwirnt Kantengarn zu englischen Spitzen abgeben."

Schinkel teilt die Begeisterung Beuths, doch er sieht auch die soziale Kehrseite der Entwicklung. Wir lesen ein Jahr später in seinem Tagebuch: "Jetzt sind 6000 Irländische Arbeiter aus den Manchesterschen Fabriken auf Kosten der Stadt nach ihrem Vaterlande zurück gebracht worden aus Mangel an Arbeit. 12 000 Arbeiter kommen jetzt zusammen, um zu revolutionieren. Viele Arbeiter arbeiten 16 Stunden des Tags und können dann doch nur wöchentlich 2 Schilling ausgezahlt bekommen. Anstalten, die 500 000 £ Sterling kosteten, haben zum Theil jetzt den Werth von nur 5 000. Ein schrecklicher Zustand der Dinge; seit dem Kriege sind in Lancastershire 400 neue Fabrikanlagen gemacht worden, man sieht die Gebäude stehn, wo vor drei Jahren noch Wiesen waren, aber diese Gebäude sehn so schwarz geräuchert aus als wären sie hundert Jahre in Gebrauch. Es macht einen schrecklich unheimlichen Eindruck ungeheure Baumassen von nur Werkmeistern ohne Architektur und fürs nackteste Bedürfnis allein und aus rothem Backstein ausgeführt. - " Und am Schluss vielsagend: "Viel englisches Militair ist in Manchester zur Sicherheit zusammengezogen."

Es ist keineswegs ein rein platonisches Interesse, das die beiden Freunde verfolgen, ihre Reise hat durchaus praktische Ziele, denn Schinkel notiert: "Beuth machte viele Bestellungen."

Freitag, den 7. Juli: "Fabrikbesichtigung wo Kreissägen von 15' Durchmesser Furnierbretter schneiden, eine andere Maschine aber 20 Fuß lange 6 Zoll breite 1 Zoll dicke Bretter mit einem Male u in drei Minuten auf einer Seite glatt hobelt, an einer schmalen Seite eine glatte Nuth an der andern eine schöne Feder einschneidet. Alles wird durch viele ineinander arbeitende Kreissägen gemacht, aber die Maschine ist verdeckt und wird nicht gezeigt."

In den letzten Worten wird der wahre Grund der Reise erkennbar: Dass Schinkel und Beuth technisches Interesse zeigen, entspricht ihrem Naturell, aber das Interesse ist keineswegs zweckfrei. Und nicht überall stehen ihnen die Türen zu den Fabriken, bzw. in den Fabriken offen. Manches Mal bleibt für Schinkel nichts anderes übrig, als die luxuriösen, mehr oder weniger geschmackvoll eingerichteten Salons der Fabrikherren zu beschreiben.

Was ist also der Zweck der Reise? Es geht - in einem Wort zusammengefasst - um staatlich organisierte Industriespionage in großem Umfange.

Beuth besichtigt zusammen mit Schinkel Fabriken und technische Einrichtungen der unterschiedlichsten Branchen, er kümmert sich auf Königliches Geheiß aber auch um neue Getreide- oder Viehzüchtungen, und er kauft an Maschinen, Saatgut, Tieren und technischem Gerät, was neu und für die heimische Industrie wichtig ist. Und was er kriegen kann. Oder er versucht Konstruktionszeichnungen technischer Neuheiten zu bekommen. Wo ihm der Kauf verwehrt wird, versuchen er und Schinkel die beobachteten technischen Details nachzuzeichnen, guter Rat ist teuer, wo ihm auch die freie Sicht auf die Maschine verwehrt wird, wie oben beschrieben: denn "die Maschine ist verdeckt und wird nicht gezeigt."

Ganz offensichtlich ist manchen Fabrikbesitzern die Neugierde der deutschen Reisenden nicht ganz geheuer, sie lassen sich verleugnen oder verstecken ihre Maschinen. Manche Fabrikbesitzer allerdings können ihren Besuchern den Blick auf die Produktionsstätten und Maschinen nur schwer verweigern, da Preußen ihr Absatzmarkt ist. Das gilt natürlich in besonderem Maße für die Maschinenindustrie selbst. Wer seine Maschinen nach Preußen verkauft, ist naturgemäß nicht davor gefeit, dass sie im Exportland genauer unter die Lupe genommen und nachgebaut werden können. Zwar gilt bis 1843 für viele Maschinen ein Ausfuhrverbot, das wird jedoch wo möglich umgangen. Auch wo freier Zugang nicht gewährt wird, lässt sich Beuth nicht entmutigen: Der preußische Staat unterhält eine ganze Schar von Agenten, die die Fabriken ausspionieren, ihre Beobachtungen chiffriert weitergeben und Maschinen an Deckadressen liefern lassen. Sind sie glücklich nach Berlin geschafft worden, werden sie dort auseinander genommen und nachgebaut, z. T. auch weiterentwickelt und verbessert. Und den deutschen Gründern als Modelle vorgestellt.


Über diesen Text:

Über den Nachholbedarf Preußens bei dem Bemühen, an die industrielle Entwicklung in England Anschluss zu gewinnen, und über die Mittel, mit denen das bewerkstelligt wurde. Annäherung an eine umfassendere Würdigung der Leistungen C. P. W. Beuths unter Berücksichtigung seines Nachlasses.

Klaus Strohmeyer: Peter Christian Wilhelm Beuth und die Industrialisierung in Preußen, Auszug aus einem Vortrag, gehalten im Rahmen des Symposiums Fakt der UDK Berlin, Juli 2003

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