Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

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Schaufenster

"Der Schlossplatz, die gesamte Schlossumgebung, war - nicht ganz unabhängig von seiner politischen Funktion und Zentrallage - eine Keimzelle urbanen Lebens, ein frühes Geschäftszentrum, noch vor der Friedrichstraße! Und darum ist es kein Zufall, dass die wohl erste Darstellung eines Schaufensters den 'Eckladen an der Schloßfreiheit' zum Gegenstand hatte. In diesem Gemälde Johann Erdmann Hummels wird das Schaufenster zum Motiv und signalisiert eine Neuheit, die bis heute ein Inbegriff städtischer Lebensform geblieben ist. 1828, als das Gemälde entstand, gab es in der preußischen Residenzstadt um die 1100 Kaufläden. Doch kann man annehmen, dass kaum einer von ihnen schon Schaufenster besaß; sie hatten vermutlich allenfalls Ladenfenster, d.h. etwas vergrößerte Erdgeschoßfenster zur Belichtung eines Ladens oder einer Werkstatt. Selbst auf den Lindenrollen (1819/1820) ist noch kein modernes Schaufenster, sind allenfalls ein oder zwei größere Ladenfenster zu sehen. Dabei bot sich gerade die Pracht- und Promenierstraße als Standort für dieses neue Massenmedium an; und selbst auf den dort gezeigten Einblicken in die Friedrichstraße sind noch keine Schaufenster auszumachen. (Auch Schinkels Entwurf zu einem Kaufhaus Unter den Linden von 1827 zeigt eine Fenstergestaltung mit großen bis zu einem schmalen Bodensockel hinunterreichenden kassettenförmig unterteilten Fenstern, aber eben noch keine 'Schau-Fenster', die ja weniger der Belichtung denn der Augenlust als Ausstellungsfläche und Warenbühne dienen.)"

"Im Zentrum die 'Modewaren-Handlung' auf der Ecke der Schlossfreiheit, davor die vom Eigentümer servil hinausgeleitete, stadtbekannte Sängerin Henriette Sonntag, im leuchtend hellen, langen Kleid, einen offenen Umhang um die Schultern gehängt, im Begriff, den nach unten gerichteten Schirm zu öffnen. Auf dem Kopf ein Produkt der hochentwickelten Putzwarenindustrie mit großer Schleife, dem Ladenbesitzer zugewandt, der ein Tuch in der Hand hält. Die Geste der einwärts gerichteten Hand unterstreicht die Mühe, die sich dieser mit der prominenten Kundin gibt. Die elegante Käuferin neben den so sorgfältig arrangierten Putzwaren, Hüten, Bändern, Spitzekragen, im 'ersten Schaufenster' ist die zentrale Figur. Aber die Szene ist umgeben von Spiegelungen des Residenzstadtforums, der Börse, des alten Doms, und hinter der Ecke fällt der Blick auf das Zeughaus. Auch die Spiegelungen auf den regennassen Granitbahnen, die zum vorherrschenden 'Berliner Pflaster' wurden, verstärken die kunstvolle Irritation der Darstellung, ein wenig zuviel, um ungewollt zu sein: Der Laden im Mittelpunkt ist ein Demonstrationsobjekt der neuen Zeit! In diesem 'Schau-Fenster' tritt die reine Zweckfunktion des Fensters zurück; es öffnet den Laden der Schaulust auch für diejenigen, die sich die angebotenen Waren nicht leisten können oder wollen, nur aus der Distanz als Passanten am Anblick der Luxusgüter teilhaben. Die Schaufenster des neuen 'Einkaufszentrums' werden zu einem Mittel der Selbstdarstellung des (wohlsituierten ) Bürgers in aller Öffentlichkeit."


Über diesen Text:

Klaus Strohmeyer: Der Schlossplatz als Keimzelle urbanen Lebens. "Der Eckladen an der Schloßfreiheit" zeugt von den Anfängen einer bürgerlichen Öffentlichkeit, an die heute zu erinnern ist,
Der Tagesspiegel, Sonntagsbeilage "Der Weltspiegel", 1.6.1997

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