Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

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Die Mentalitätsdifferenz zwischen Ost- und Westdeutschen

Oder: Zwei verschiedene Identitätsschicksale

"Die DDR warf einen Schatten auf unser ruhiges Wohlstandsgewissen, aus ihr scholl uns ein hoher moralischer Überlegenheitston entgegen, wurden uns die Sünden des Kapitalismus vorgehalten. Die gemeinsamen nationalen Wurzeln, die kulturelle Familienähnlichkeit, die realen Verwandtschaftsverhältnisse wurden systematisch demontiert, nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit und heimlich oder unter dem Ritual der gegenseitigen Vorbehalte und ideologischen Vorhaltungen zugelassen. Zumindest in der Öffentlichkeit waren die deutsch-deutschen Kontakte streng kontrolliert und formalisiert und standen unter Beobachtungsdruck. Das führte zu Entfremdungen und Steifheiten, ließ Vorsichtsmaßnahmen angeraten erscheinen, rief Unwohlsein im Umgang miteinander hervor. Immer blieb ein Rest vorauseilender Rücksichtnahme, ein Mangel an Authentizität, eine unaufgelöste Anspannung, eine gestörte Glaubwürdigkeit, manchmal ein ohnmächtiges Gefühl der Undurchdringlichkeit und Undurchsichtigkeit."

"Man braucht keine hochentwickelte sprachliche Sensibilität, um Filme der Defa und Westproduktionen an kleinen aber spezifischen Merkmalen zu unterscheiden, nicht nur durch Sujet und Landschaft, auch durch die Sprache; noch den Übersetzungen ausländischer Filme war die Differenz oft anzumerken. Ein "möchte sein" anstatt eines "schon möglich", ein "Ahoi" anstatt eines "Hallo" oder "Tschüss" verriet uns den Standort des Fernseh-, des Film-, des Synchronstudios. Je offiziöser die Verlautbarung, desto steifer und stärker ritualisiert klang die Sprache der DDR in unseren Ohren. Die herrschende Sprachregelung krankte an bürokratischer Sprachverarmung, bemühtem deutschtümelndem Sprachpurismus, stach ab von den Lässigkeiten und Reklamekürzeln des Westens, seiner ironischen Lockerheit des Jugendkultes."

"Da sind sie wieder, die typischen Ingredienzien, die den Westbesuchern bei ihren Ausflügen in die DDR allüberall begegnen: die stillgestellten Landschaften aus der Vergangenheit mit ihrem morbiden Charme, mit verfallenden und notdürftig geflickten Häusern, die gleichermaßen anziehen wie abstoßen, und ihr überraschender Kontrast zu einer dürftigen und vielerorts bereits schäbig gewordenen Moderne. Das Stehengebliebene, es zieht an , weil es das bei uns so nicht mehr gibt, und es stößt ab, weil es schlecht in Schuß und völlig unzulänglich erhalten ist."

"Das Geld als Objekt der Begierde hat in der DDR eine ungleich geringere Rolle gespielt als bei uns, nicht nur, weil es weniger wert war, sondern auch, weil sein Besitz die Träume nicht realistischer machte. Geld hatte in der DDR nicht den sinnlichen Glanz, den es im Westen als Inbegriff der Möglichkeiten ausstrahlt. Es wurde mit kleinerer Münze bezahlt. Um die Kaufkraft des Geldes auszukosten, musste noch vieles hinzukommen: persönliche Beziehungen, das Privileg des Reisens, der Zugang zu Westwaren, zu Inter-Shops und Exquisit-Läden, Devisenquellen usw. Für sich genommen blieb die Währung der Deutschen Notenbank blaß und leicht, ohne sinnliches Profil und Traumhorizont."

"Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Ersatzreligion, die in einer Größenphantasie deutsche Traditionen und Verspätungen mit dem industriellen Aufbruch und seinen Leistungsanforderungen versöhnen sollte, standen die beiden Identitätsangebote aus Ost und West in einem durch und durch ungleichen Wettbewerb. Hier die moderne Variante liberaler Erziehung durch Belohnung und Zuwendung, dort die Variante autoritärer Erziehung durch moralische Vorhaltungen und, wenn die nichts nützen, durch Stock und Stubenarrest. Hier die Erziehung zu Reichtum und Wohlstand mit dem unmerklichen Zugewinn an Demokratie und Selbstbewusstsein, dort die Erziehung zu Anpassung und Willfährigkeit mit dem merklichen anwachsen von Entmündigung und Verweigerung."


Über diesen Text:

Eine bilanzierende Reflexion der Mentalitätsdifferenzen zwischen Ost- und Westdeutschen und ihrer Gründe kurz nach dem Fall der Mauer.

Winfried Hammann, Klaus Strohmeyer: Die Mentalitätsdifferenz zwischen Ost- und Westdeutschen. Oder: Zwei verschiedene Identitätsschicksale,
in: Psychosozial 14. Jg., H 1 (Nr. 45)

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