Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

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James Hobrecht und die Modernisierung der Stadt

Als James Hobrecht vor über 100 Jahren am 8. September 1902 starb, waren die wesentlichen Schritte für die Entwicklung Berlins zu einer modernen Metropole getan. Mit der Erstellung des Bebauungsplanes von 1862, mit dem das Wachstum der Stadt um die historischen Stadtkerne herum in geregelte Bahnen gelenkt wurde, war er im Alter von 34 Jahren betraut worden. Bis heute wird dieser Umstand von seinen Kritikern zum Anlass genommen, dem allzu jungen Baumeister Überforderung zu attestieren und die Missstände der "Mietskaserne" zur Last zu legen. Doch die Kritik ist seltener geworden und hat - zuletzt auch in der Diskussion um das "Planwerk Innenstadt" der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - einer überwiegend positiven Beurteilung Platz gemacht.

Zeichnung eines exemplarischen Mietshauses von James Hobrecht
Zeichnung eines exemplarischen Mietshauses von James Hobrecht

Dem sog. "Hobrechtplan" waren nicht die Mängel einer Bauordnung anzulasten, die es zuließ, dass die Hofräume auf das Minimum des Wendekreises der Feuerspritze reduziert werden konnten, dass die Bebauungsdichte die substantiellen Grundanforderungen an Belichtung und Belüftung unterschreiten konnte, dass Keller- und Dachgeschosswohnungen angeboten werden durften, deren Ausstattung und Zustand jeder sozialen Verantwortung spotteten. Eine unseliges Gemisch aus Unzulänglichkeiten der Bauverwaltung, Eigennutz des "Hausbesitzerparlaments" und Spekulanteninteressen war die Hauptursache, und auch die Banken hatten schon damals mit ihrer spezifischen, wenig verantwortungsvollen Kreditpolitik ihren Anteil am Wohnungselend der Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts.

Wer Hobrechts in politischer Hinsicht wichtigste Schrift "Über öffentliche Gesundheitspflege und die Bildung eines Central-Amts für öffentliche Gesundheitspflege im Staate" aus dem Jahr 1868 liest, mit der er die Gründung eines Reichsgesundheitsamtes anregte, weiß, dass es kaum einen schärferen Kritiker der katastrophalen Wohnverhältnisse in dieser Zeit gab. "Wenn wir uns vor Arbeiter-Vierteln hüten wollen, so müssen wir bei unserem Prinzip stehen bleiben, es nicht verwerfen, sondern verbessern. Es kann hier nicht meinen Aufgabe sein, im Speziellen anzugeben, wie und wodurch wir unsere Wohnungsverhältnisse verbessern, wie wir das empfehlenswerthe Durcheinanderwohnen beibehalten können, ohne dabei unseren Häusern den Kasernen-Charakter zu belassen, aber das ist als hauptsächlichstes Postulat kurzweg hinzustellen, dass mehr Luft und mehr Licht den Gebäuden zu geben ist. Fort mit den Kellerwohnungen, die gut sind für Fässer und Kartoffeln, aber nicht für Menschen! Raum für die Höfe! Das vierfache der Dimensionen, welche die Berliner Baupolizei-Ordnung verlangt, das achtfache des Raumes, den die Stettiner Häuser übrig lassen, ist nicht zu viel, ist kaum genug, wenn wir für unsere Hinterzimmer noch Sonne, Licht und Luft in genügender Quantität und Güte behalten wollen:"

Hobrecht war ein engagierter Befürworter des Berliner Mietshauses, um Segregation zementierende Elendsquartiere, wie er sie in englischen Industriestädten gesehen hatte, zu verhindern und ein "Durcheinanderwohnen" zu aller Nutzen zu gewährleisten. "Nicht 'Abschließung' sondern 'Durchdringung' scheint mir aus sittlichen, und darum aus staatlichen Rücksichten das Gebotene zu sein."

Er betonte, "dass bei solchen Fragen die Armen es sind, welche besondere Berücksichtigung verdienen, wenigstens, wenn man sich nicht auf den behaglich-egoistischen Standpunkt stellt, der nur fragt: 'wie wohne ich am besten?' sondern sich die Frage vorlegt: 'wie wohnen alle Bewohner einer Stadt verhältnismässig am besten?'."

Seine Leistungen bei der Durchsetzung und Schaffung einer modernen, systematischen Kanalisation und Entwässerung für Berlin ab 1869 und für einige andere deutsche Städte waren von Beginn an unbestritten. Sein Modell einer Aufteilung des Stadtgebietes in separate, unabhängig voneinander zu erstellende in sich zentrierte Radialsysteme, in denen die Abwässer gesammelt und mit Dampfkraft an die Peripherie der Stadt transportiert wurden, wo sie auf landwirtschaftlich nutzbaren Rieselfeldern versickerten, anstatt in Flüsse eingeleitet zu werden, wurde zu einem viel beachteten Vorbild. Aufträge für Moskau, Tokio und Kairo bestätigten, dass sein Ruf als Kanalisationsexperte weit über die Landesgrenzen gedrungen war.

Mit seiner 1885 erfolgten Berufung zum Stadtbaurat für Straßen- und Brückenbau erweiterte sich sein Aufgabenkreis: bei der Spreeregulierung, beim Brückenbau und bei der Einführung von Nahverkehrssystemen spielte er eine wichtige Rolle. Die Berufung war ebenso Bestätigung seiner Verdienste wie die Vielzahl der Orden und Auszeichnungen und die seine Karriere abschließende Ernennung zum "Stadtältesten von Berlin".


Über diesen Text:

Buchcover: Klaus Strohmeyer, James Hobrecht (1825-1902) und die Modernisierung der Stadt, Potsdam 2000

Klaus Strohmeyer: James Hobrecht (1825-1902) und die Modernisierung der Stadt, Potsdam 2000

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