Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
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Die Japanreise

Speisekarte des Dampfers "Bayern" der Ost-Asien-Linie des Norddeutschen Lloyd
Speisekarte des Dampfers "Bayern" der Ost-Asien-Linie des Norddt. Lloyd

Am 16.2.1887 bricht der Berliner Stadtbaurat James Hobrecht auf Einladung der Japanischen Regierung zu einer Reise nach Japan auf, die ihn mit Eisenbahn und Schiff einmal um die Welt führt. Als Kanalisationsexperte hat er den Auftrag, den Plan einer modernen Wasserver- und -entsorgung für Tokio zu entwickeln. Von seiner Reise schickt er 37 Briefe an seine Familie, in denen er über seine Reiseeindrücke berichtet. Dabei werden Land und Leute, Landschaften und Begegnungen beschrieben, auch eine Audienz beim Kaiser, werden politische, soziale und kulturelle Themen berührt. Der Blick eines Europäers auf Japan in dieser Zeit ist deshalb so spannend, weil Japan erst drei Jahrzehnte zuvor unter amerikanischem Druck seine Grenzen geöffnet hatte. Das Kaiserreich Japan befand sich in einem tief greifenden politischen und kulturellen Wandlungsprozess und suchte, durch Vergabe von Forschungsreisen und Stipendien sowie durch Einladungen von europäischen und nordamerikanischen Wissenschaftlern und Ingenieuren Anschluss an die technisch-zivilisatorische Entwicklung der Industrienationen zu gewinnen.


Den 9ten März 1887

Seid mehreren Tagen schwimmen wir nun auf dem indischen Ozean. ... ich sehe nie nach den Graden, trage sie nie in das Tagebuch ein, weil ich keines führe, schwitze nicht, friere nicht, habe vortrefflichen Appetit, und doch stets und zu jeder Zeit mehr Essen, als ich vertilgen kann, schlafe bei Tage und wache zur Nacht, oder umgekehrt; der Impuls zur Handlung, welche es auch sei, ist Laune; nichts ist bedingt oder Umständen zulässig; alles ist möglich, zu jeder Zeit wohlbekömmlich; alles ist wohlthuend und erquickend, nie kommt eine Einladung zu einer Conferenz oder Sitzung; zu dem, was man heute nicht thut, ist sicher morgen noch mehr Zeit, als nöthig; die Salzluft, welche beim schönsten Sonnenschein in kurzer Zeit das Augenglas mit Salz trübe und undurchsichtig macht, das Seewasserbad, natürlich ohne jede künstliche Erwärmung, pökelt mich ein, inkrustiert mich macht mich zur Salzlake, wie Viertelstundenlang Delphine vor dem Bug des Schiffs als Vorreiter jagen und spielen, wie in Schaaren die fliegenden Fische sich aus dem Wasser erheben und hunderte von Metern, silbernen Punkten gleich über die indigo-blauen Wogen dahinschießen, bis sie mit einem Schaumspritzer, als würfe man Steine ins Wasser verschwinden, wie Schiffe irgendeiner Linie vorübergehn, ob sie grüßen werden, - das zu sehn, zu genießen, ist die Arbeit ist das Leben. - Comfort an allen Ecken und Enden! 6 Mahlzeiten, von denen 2 mehr als genug sind; (...) keine Zeitungen, keine Nachrichten ganz und gar losgelöst auf einer schwimmenden Insel; so Tage rückwärts - so Tage vorwärts! Am Sonnabend denke ich treten wir in Colombo auf Stunden oder auf 1 Tag wieder in die menschliche Gesellschaft ein ..."

City of New York den 17ten 1887

Burg in Nagoja
Burg in Nagoja
"Japan ist der Schlüssel Ostasiens; seine insulare Lage, seine schönen Häfen, sein Bodenreichthum machen es bedeutsam wie England für Europa ist. Da kann man sich denken, wie der Russe frech und lüstern wird, wie der Engländer schmeichelt und Geld bietet, wie der Franzose Ratschläge erteilt für die Gesetzgebung, um mit liberte, egalite und fraternite den Schmerz zu teilen, der ja doch ohne diese Güter unvermeidlich sein muß! Der Chinese träumt von seiner gewaltigen Nachbarschaft, die er gelegentlich benutzen könnte, davon, daß Japan ein Schwestervolk ist, und dieselben Götter verehrt; der Amerikaner nimmt, was er kriegen kann, und grübelt darüber, ob sich die Monroe-Doktrin nicht bis Hongkong ausdehnen läßt; und der Deutsche vielleicht hat eine Vorstellung davon, daß eine Kräftigung Japans in seinem Interesse liege; zur Begehrlichkeit fehlen ihm die Kriegsschiffe; so hilft, lehrt und fördert er; er gewinnt die Gunst der Schönen, und wenn sie sich auch nie ihm opfert, so beschenkt sie ihn doch, tauscht mit ihm Waaren und Gedanken und nimmt seine Ratschläge freundschaftlich an; Holleben (der deutsche Botschafter) ist wohl ganz der Mann, dieser Sitauation gerecht zu werden. - Du kannst dir denken, daß Kritik über Japan und die Japaner das tägliche Brod der Fremden ist; sind Engländer, Russen, Deutsche, Franzosen zusammen, so wird diese Kritik so aussehen, als wäre sie eine wissenschaftliche, eine objektive, die Kritik der Fremden einer und derselben Nation richtet sich gegen die Fremden der anderen Nationen; der Bodensatz ist dann der, daß sich Müller und Schulze, oder Jacques und Jean, oder Smith und Green gegenseitig zu ihren und wie sie meinen mögen Japans Gunsten ein Bein stellen; da gährt viel Unschönes auf, da ist überall ein schlüpfriger Boden! Es ist nicht die beste Seite, von der Japan die Civilisation Europas kennenlernt; es fehlt nicht an Lumpen aller Nationen, die erst frech sind, sich aufspielen und schließlich hinten herum betteln. - Darin sind alle Kritiker übereinstimmend und weise, daß Japan Millionen Dinge anfängt, hundertausende von Dingen dann liegen läßt, bei der Ausführung stets mit dem unrechten Ende beginnt etc: etc: ich will dem meinetwegen beistimmen, füge aber nun noch die eine Kritik hinzu, daß trotz Alledem und Alledem das Nützliche, das Japan in 20 Jahren wirklich geschaffen, einen ungeheuren Umfang hat, und sich vor jeder Kritik sehen lassen kann."

Montag, den 4ten April 1887

"Volkstypen" aus Japan
"Volkstypen" aus Japan
"Die Frauen und Mädchen kann ich nun vollends nicht unterscheiden; sie sehen mir alle gleich aus; (...) Ich war in meinem Urtheil über die etwas fladdrige Gleichmäßigkeit der Gesammt-Erscheinung schon ziemlich weit, als mir Yagi, mein Dollmetscher, Attache etc. sagte, ihm ginge es so mit den Europäern: sie sehen ihm alle gleich aus! Mir wurde durch diese Bemerkung klar, daß der Fehler in der Beobachtung liege; wenn ich und W. gleich aussehen sollen, so muß das in einem geistigen Defekt seine Ursache haben; ein Defekt, welcher das himmlische Auge so bricht und lähmt, daß uns die wirklichen Uebereinstimmungen, nicht die unterscheidenden Merkmale auf der Netzhaut des Auges reflektiren. Weiser Yagi! Dein Wort hat mich etwas aufgestört, zum Nachsinnen gebracht; und - je mehr Tage ich hier bin, je mehr ich sehe, um so mehr wird mir klar, daß sein Fehler auch der meinige war. Plastischer, individueller, gruppirter wird mir von Stunde zu Stunde die Welt von Dingen und Menschen, kleiner Nuancen, feiner Unterschiede, ja Contraste werden erkennbar. Doch damit wächst in beunruhigender Weise die Reichhaltigkeit des Bildes (...)"

Tokio, den 27 April1887

... An einer hübschen Stelle im Park nahmen wir zu beiden Seiten eines Weges Aufstellung; rechts die Botschafter und Minister, links die gescheckten Schafe! Nach etwa ½ Wartens erschien unter gebührendem Vorantritt von Perponcher dem Großen und mehreren kleinen Perponcher der Hof; - der Kaiser allein - Suite - die Kaiserin allein - Suite - dann Suitissimo in langer Entwicklung; unter Vorantritt des Hofesging's nun nach einem am Meer gelegenen Theehause, wo Buffets in europäischer Weise mit Sekt und Cigarren uns trefflich mundeten; dann wandelte der Hof in gleicher Weise zurück; zwischen tiefen Bücklingen, die ganz den Eindruck von Spießruthen machten, segelte er ab. - Das ist derselbe Fürst, der früher als asiatischer Gott, unsichtbar für jeden in Kioto residirte; sehen konnte man ihn nur hinter einem Vorhang, der von oben herab bis zu seinem Kinn herabgelassen war; wer Audienz hatte, warf sich zur Erde, und wenn er frech war und aufschaute, konnte er es allenfalls soweit bringen, in die Nasenlöcher hinein zu gucken; doch glaube ich, dass dieses Verbrechen wohl niemand sich zu Schulden kommen ließ!

An Bord der Fulda den 19ten Juni 1887

(...) In diesem vom Schöpfer vergessenen Chaos fährt man mit derselben Geschwindigkeit, als wäre man selbst ein Verdammter und wollte sich retten, 3/4 Tage lang; man sieht die Sonne sinken, fährt in die bleiche Mondnacht hinein, sitzt noch stundenlang auf dem Trittbrett des hintersten Wagens, - immer bleibt's dasselbe; Staub, der aufwirbelt, fehlt selbst an der Schlußlaterne des Wagens, denn aufwirbelnder Staub wäre Bewegung, wäre Leben - und solches giebts hier nicht! Doch! Die Bahn hat - vielleicht durch einen Spezialvertrag mit dem Fürsten der Finsternis - erlangt, daß, wenn der Zug den Green River kreuzt - dort auf 25 Minuten ein zweistöckiges, hölzernes Hotel mit elektrischer Beleuchtung, einer Fontaine von der Mächtigkeit einer Stricknadel und 2 Grasplätzen in Sprungtuchgröße, deren Ueppigkeit dem Haarwuchs auf Bismarcks Haar entspricht - hinaufgezaubert wird, um dann, wenn der Zug sich entfernt, mit erstarrten Kinnbacken auf 24 Stunden, d.h. bis zum nächsten Zug zu versinken. Dieses Hotel nennt sich Palmer's House, wenn irgendetwas ganz und gar hier hingehört, so ist es das elektrische Licht; ein Kienspan ließe auf einer Spinnstube, eine trübe Laterne auf einem von Collegen zurückkehrenden armen Schulmeister schließen, - wie kämen die hierher. Der Green-River ist ein Wasserriß mit wechselndem Bett, mit (oder ohne) gelbem Wasser; außer einigen Bäumen, welche, wie ich vermuthe, die Bahn aus graulackirtem Weißblech hat fertigen und eingraben lassen, verräth Nichts - buchstäblich Nichts - sein Dasein. (...) Ueberall liest man das deutsche Wort: Lagerbeer in Riesenlettern; so scheußlich es klingt, es ist immer noch besser, als die englische Gabe Spirits, Whiskey - Liquors etc: gewiß ist manches besser als man es sieht, aber sichtbar ist Rohheit, Spiel, Trinken, Money-Making - heuchlerische Frömmigkeit, eine schandbare Presse, elektrisches Licht, und wem all dieses - verbunden mit einer unliebenswürdigen und langweiligen Natur - ein urtheilfähiges Gemüth gelegentlich bedrücken mag, so wird es sich, einmal an dieser Scholle gebunden, tösten mit Bildern aus dem Puck oder dem Jugde: Europäische Kaiser als Affen, welche dem schlafenden, biederen Steuerzahler Geld aus der Tasche stehlen, oder blödsinnig mit dem Kopf wackeln, daß die Krone herunterfällt, oder Wilhelm der Große, der einen Harem von Balleteusen hat, oder die beschnapste Königin Victoria und dergl. So übt denn der Muth in der Brust seine Spannkraft! Wie sich die Männer mit doppelten, dicken goldenen Uhrketten behängen, so die Frauen an Hals, Ohren und Fingern mit Diamanten und Goldklumpen; die Mode der Pariser Straßendirnen ins Groteske übersetzt und ohne Grazie getragen. Selbst die beliebtesten Aktricen auf New Yorker Theatern benehmen sich, auch in artigen Rollen, würdelos, frech und häßlich; ich muß noch hinzufügen, daß es mir in New York nicht gelang, auch nur einen Gegenstand zu entdecken, der mir für ein Mitbringsel gefallen hätte; Herr Villard, den ich in einer sehr schön gelegenen und wohlgestalteten Villa -Dobbs Ferry am Hudson - besuchte, that auch nichts Andere, als in geldprotzenhafter Weise mir seinen Besitz zu zeigen.

Über diesen Text:

Buchcover: Dschunken, Böte, Dampfer zogen hierhin, dorthin, das war nicht die kleine, - es war die weite, weite Welt, an deren Rand ich stand - Die Briefe des Berliner Stadtbaurates James Hobrecht von seiner "Dienst-Reise" nach Japan aus dem Jahr 1887, herausgegeben von Klaus Strohmeyer, Potsdam 2000

Betrachtungen James Hobrechts über Land und Leute, Entwässerungsanlagen und Theater, Mentalitätsdifferenzen und Weltpolitik in seinen Briefen von der Japanreise aus dem Jahr 1887.

"...Dschunken, Böte, Dampfer zogen hierhin, dorthin, das war nicht die kleine, - es war die weite, weite Welt, an deren Rand ich stand ..."
Die Briefe des Berliner Stadtbaurates James Hobrecht von seiner "Dienst-Reise" nach Japan aus dem Jahr 1887, Potsdam 2000

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