Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
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Ursula Fesca: Werkentwicklung

Arbeiten aus Velten
Arbeiten aus Velten

Velten - Elsterwerda - Wächtersbach

Velten

Ursula Fescas Entwürfe für die Steingutfabriken Velten-Vordamm, in denen sie nach Ende ihrer Ausbildung zwischen 1924 und 1928 arbeitete, waren in der Regel nicht namentlich gezeichnet; deshalb ist es hier am schwersten, ihr einzelne Entwürfe zuzuordnen. In einem Zeitungsartikel mit dem Titel "Vom Tonklumpen zum Tassenkopf. Neuzeitliche märkische Keramik. - Das größte Industrieunternehmen des Netzebruches" wird von Wilhelm Glöde in der Sonntagsausgabe der Warthe-Zeitung vom 4. Oktober 1925 die Bedeutung des Schwesterwerks Vordamm an der Ostbahn gewürdigt, in das sie wechselte, nachdem Dr. Harkort im Hauptwerk Velten ihre ersten Schritte als Keramikkünstlerin gelenkt hatte. Dadurch konnte sie im dicht gelegenen Forstamt Driesen wohnen, das ihr Vater inzwischen übernommen hatte. In einem 'Rundgang durch die Fabrik' beschreibt Glöde die Produktionsstätte und stellt die Arbeit der Kunstwerkstätten vor.

"In einem freundlichen Atelier haust Fräulein Fesca, die kunstgewerbliche Leiterin. (...) In tausend Farben und Formen, die bald freundliches Lachen erbitten, bald volle Bewunderung erzwingen, grüßen Teller und Tassen mit lustigen Tier- und Märchengestalten für die Kleinen, Krüge und große Vasen, deren majestätische Wucht in Linie und Ton gleichermaßen zum Ausdruck kommt. Da schaut ein Madonnengesicht aus einem Wandteller herab auf all den zierlichen bunten Kram, auf die Schreibzeuge, auf Tablette, Leuchter, Krüge, Vasen und was sonst in diesem wunderbarlichen Kabinett sich alles zusammengefunden hat.

Drüben (...) stehen die Modelleure mit Lineal und Winkel, mit feinen Spitzmessern, und schaben und stellen die Urformen her für die Henkel an Tassen und Krügen, für die Leuchter und all die kunstvollen Vorlagen, die aus Fräulein Fescas Kabinett oder aus der Hand eines anderen künstlerischen Mitarbeiters geliefert sind."

Und in einem Artikel von J. Grell "Märkische Keramik. Eine Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum" in der "Keramische(n) Rundschau" ist zu lesen: "Die Entwürfe für die Vordammer Formen und Dekore stammen in der Hauptsache von Ursula Fesca. Da ist von dem Gebrauchsgeschirr vor allem ein reizendes Kinderservice aus Steingut mit Kinderszenen in Schablonendekor zu nennen. Bei den Vordammer Schmuckgefäßen wird der Steingutscherben durch Engobenmalerei oder farbige matte Glasuren verdeckt und so eine sehr majolika-, bisweilen auch steinzeugartige Wirkung erzielt. Die Ausstellung zeigt meist die handgemalten Originalmodelle von Ursula Fesca, nach denen die preiswerten Schablonendekore im Vordammer Fabrikbetriebe hergestellt werden."

Elsterwerda

Vase von Ursula Fesca (Keramikfabrik Elsterwerda)
Vase aus Elsterwerda

Für die Zeit Ursula Fescas in der Steingutfabrik Elsterwerda, an der sie 1928 künstlerisch tätig wurde, ist u. a. aus Ankreuzungen in Keramikzeitschriften aus ihrem Besitz zu entnehmen, was aus ihrer Feder bzw. ihrem Pinsel stammt, denn auch hier wurden die Stücke selten namentlich gezeichnet oder mit dem später charakteristischen F gekennzeichnet. Durch die Forschungsarbeit Karla Bilangs, die sich besonders mit der Keramik von Elsterwerda beschäftigt hat, können viele der in Sammlungen erhaltenen Teller, Vasen, Dosen ihr zugeordnet werden. Die Entwürfe von Elsterwerda zeichnen sich durch ihre Farbigkeit aus; sie sind im Grundgestus konstruktivistisch, doch werden die strengen Linien durch das aquarellhafte Verlaufen der Farben aufgelöst und erhalten so etwas Schwebendes, Leichtes.

Ein Artikel von Bernhard Siepen in der "Schaulade" enthält eine Auseinandersetzung mit Kitsch und "Tinnef", einer "schmissigen", modernen Form des Kitsches, dem eine "gesunde Neuzeitlichkeit" entge-gengehalten wird, wie sie in den gezeigten Produkten aus Elsterwerda repräsentiert sei. "In einer so flackernd bewegten Zeit wie der unsrigen, die sich das Exaltierte gern als kühn, grobe Effekthascherei als Frische, laute Vordringlichkeit als Natur aufschwatzen läßt, sind die Werte einer besonnenen Zeitgemäßheit, die nicht durch Geste, sondern durch Qualität unterstreicht, besonders hervorzuheben. Denn das Gesunde trägt den Keim der Zukunft in sich, es wirkt zeugend. Der Tinnef vergeht mit dem Tage, leider mit ihm auch die hineingesteckte Arbeit vieler tausend Hände."

Bei den zu Dokumentationszwecken beigefügten Abbildungen scheint es sich wohl ausschließlich um Arbeiten Ursula Fescas zu handeln, da sie von ihr durch Ankreuzungen und Unterstreichungen als eigene Arbeiten markiert wurden und auch große Nähe zu anderen bekannten Arbeiten von ihr zeigen. Betont wird in anderen Beiträgen, dass es ihr neben der künstlerischen Kreativität immer auch um Innovation, um Experimentierfreude im Technischen ging, um die Entwicklung neuer Herstellungstechniken und Verfahren, um die Erprobung neuer Glasuren, auch um die Ausweitung der Produktpalette.

Wächtersbach

Tassen von Ursula Fesca (Steingutfabrik Wächtersbach)
Tassen aus Wächtersbach

1931 geht Ursula Fesca an die Steingutfabrik Wächtersbach, wo sie ihre längste und erfolgreichste Schaffensphase hatte. Auch hier beginnt sie, neue Formen und Muster einzuführen; sie erprobt neue Techniken, entwickelt neue Produkte und schafft Entwürfe, die zu Klassikern der modernen Keramik werden und großen Erfolg haben. So Anfang der 30er Jahre das Haarlem-Service mit den farblich abgesetzten Tüllen und Griffen, herausragend in rot-schwarz, oder in den 50er Jahren die dynamischen Formen für Vasen und Schalen mit dem Pisa-Muster, schwarzgrundig mit unregelmäßigen farbigen Streifen. Oder die verschließbare "Kräuterteetasse" mit herausnehmbarem Keramiksieb, die für die Büropause entwickelt wurde; sie findet in hohen Stückzahlen ihren Absatz, ebenso die Bürokanne "Tipsy", das "Strohsack"-Muster oder die Zigarettenbehälter und Aschenbecher, die Betthupferldosen und Dreiecksschalen, die Wandvasen und Steckringe, letztere wahlweise mit Engeln, Osterhasen oder Schmetterlingen.

Service "Haarlem" (Steingutfabrik Wächtersbach)
Service Haarlem Wächtersbach

Ihre Keramikentwürfe werden begleitet von einer Vielzahl von Zeichnungen, Scherenschnitten, Transparenten, auch von kleinen Bildgeschichten. Eines ihrer Vorbilder, besonders bei den Tiermotiven, war Wilhelm Busch. Ein anderer künstlerischer Einfluss könnte von den in der Jugendzeit der Autorin sehr verbreiteten Kinderbuchautorin und Illustratorin Sibylle von Olfers stammen, die dem Jugendstil zuzurechnen ist und deren "Wurzelkinder" bis heute immer wieder Neuauflagen erfahren. Ihren pflanzenhaften oder tiergestaltigen Kinderfiguren sind Ursula Fescas Kindermotive sehr nahe.

Aus der unmittelbaren Nachkriegszeit haben sich auch ein paar Alltags-Karikaturen mit lakonischen Unterschriften erhalten, die ironisch den Mangel an allem Notwendigen, besonders an Essbarem aufspießen. Dieses humoristische, satirische Element, das sich in vielen ihrer Arbeiten, auch in den Kindergeschirr-Motiven zeigt, findet sich noch in den bekannten, sehr beliebten "Hessentellern" mit Trachtendarstellungen, die bis heute aktuell geblieben sind.



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