Dr. Klaus Strohmeyer - Wissenschaftliche Recherchen
© Dr. Klaus Strohmeyer 2004-2006

|   Über diesen Text   |   Zurück   |

Berlin in Bewegung

Illustration aus der Werbeschrift "Berlin", 1929
Illustration aus der Werbeschrift "Berlin", 1929

"Berlin ist eine junge Stadt, dazu eine veränderungswütige, eigenartig instabile Stadt, auch wenn das angesichts der vielen erhaltenen und restaurierten wilhelminischen und Jugendstil-Fassaden, die einen eher würdigen, gesetzten Eindruck vermitteln, als Widerspruch erscheinen mag. Wie die Dinge in dem Augenblick, in dem sie gebrauchsuntüchtig werden, einen Einblick in die in ihnen steckende Arbeit geben, so ist es auch bei den Massenquartieren, die, beschleunigt durch Kriegsschäden und schlechte Pflege, heute ihre Lebensgrenze erreicht haben und offenbaren, wie schnell und übereilt sie damals hochgezogen wurden."

"Mit dem industriellen Aufbruch wurde Berlin grau und farblos, staubig und verrußt. In der geballten Wucht von Mauerenge in Straßen und Höfen schimmerte allenfalls etwas glasiertes Braunrot von den düster geklinkerten neugotischen Fassaden. Der Gestank der offenen Kanalisation, der ländliche Geruch des Stadtrandes, der Duft von Obst und Gemüsegärten wurden verdrängt, aus den Straßen weiter aufs Land vertrieben, ins Unterirdische verbannt, kanalisiert und gefiltert; die Stadt begann nach Gas und Teer, nach dem heißem Metall und dem Öl der Fabriken und der neuen Verkehrsmittel zu riechen."

"Die explosive Beweglichkeit, die keine Tradition achtet, wird zur Metapher: Berliner Tempo! Damit ist nicht allein die Umlaufgeschwindigkeit von Waren und Verkehrsmitteln gemeint, auch der schnelle Umschlag von Moden und kulturellen Strömungen, der immense Umsatz mit Menschen und Begierden, der rasche Umbruch von Landschaften und Herkünften. Häuser sind in Berlin keine "Immobilien", nichts Unverrückbares: Straßentrassen werden mit den Lineal verlängert, Bauwerke rücksichtslos umgesetzt oder ersetzt, Plätze verschwinden spurlos, von heute auf morgen. Ganze Stadtzentren werden verlagert."

"Berlin war Weltstadt geworden, bevor es zu einer gemacht werden sollte: In dem industriellen Sturmlauf, der die Maßstäbe des Lebens auf den Kopf stellte, pochte der Puls der Zeit und zog das kulturelle Leben in seinen Bann. Hier herrschte Weltstadtkultur, Berlin war Experimentierfeld des Zeitgeistes. Doch in dem historischen Augenblick, in dem dieser bewusstlose Zustand ins Bewußtsein gehoben und mit Akzenten nationaler Größe versehen werden sollte, verlor die Weltstadt ihre Unschuld."


Über diesen Text:

|   Fenster schließen   |

Berlin in Bewegung

Buchcover: Klaus Strohmeyer (Hrsg.), Berlin in Bewegung. Literarischer Spaziergang 1. Die Berliner, Reinbek 1987

Eine Anthologie literarischer Texte in zwei Bänden über Berlin und die Berliner aus 150 Jahren mit Essays und Kommentaren des Herausgebers bis zur Maueröffnung. Ein dritter Band über die Zeit danach soll sich anschließen.

Klaus Strohmeyer (Hrsg.): Berlin in Bewegung. Literarischer Spaziergang 1. Die Berliner, Reinbek 1987

Klaus Strohmeyer (Hrsg.): Berlin in Bewegung. Literarischer Spaziergang 2. Die Stadt, Reinbek 1987


Buchcover: Klaus Strohmeyer (Hrsg.), Berlin in Bewegung. Literarischer Spaziergang 2. Die Stadt, Reinbek 1987

Rezensionen:

"Wahrhaftig ein reichhaltiges Kaleidoskop, das Berlin und die Berliner in den unterschiedlichen Facetten vors innere Auge bringt."
Süddeutsche Zeitung
"Klaus Strohmeyer hat bei seiner aufwendigen Herausgeberarbeit, beim Auffinden und Kombinieren dieser Tausende von Textpartikeln keineswegs die Übersicht verloren; in seinem sehr lesenswerten einleitenden Essay beschreibt er unter anderem die 'brachiale Dynamik' der Stadt, deren Entwicklung sich als ein Prozeß permanenter Selbstüberholung vollzog..."
Die Zeit


Arbeitsfelder  »  Berliner Kultur- und Stadtgeschichte  »  Textbeispiel  »  Berlin in Bewegung